Der Charakter der Wissensgesellschaft
Möglichkeiten, Herausforderungen, Grenzen
Editorial: Leben in der Wissensgesellschaft
Spätestens seit die Regierungschefs der Europäischen Union pünktlich zur Jahrtausendwende der Gemeinschaft das hehre Ziel verordneten, binnen zehn Jahren zum führenden wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt zu werden, ist der Begriff „Wissensgesellschaft“ ein Schlagwort der politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Populärer ist allenfalls die „Globalisierung“. Ob das politisch verordnete Ziel tatsächlich erreicht wird, ist eher fraglich. Dass sich Wirtschaft und Gesellschaft der reifen Industrienationen in eine Richtung bewegen, die mit dem Schlüsselwort beschrieben wird, lässt sich allerdings nur schwer bezweifeln.
Natürlich war Wissen selbst in antiken Gesellschaften entscheidend für ökonomischen und sozialen Fortschritt. Aber niemals zuvor hat es wohl eine solch zentrale Rolle für Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit von Unter nehmen gespielt, ganz besonders in der globalisierten Welt und insbesondere für ein Land wie die Bundesrepublik. Nicht mehr die klassischen Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit entscheiden über den Wohlstand, sondern die Fähigkeit von Individuen und Gesellschaft, vorhandenes Wissen immer wieder neu zu kombinieren und zu verknüpfen.
Damit verändern sich auch die Lebensbedingungen der Menschen radikal – in der Arbeitswelt und in der Gesellschaft. An die Stelle fester Arbeitsplätze mit lebenslanger Anstellung treten neue Formen wie Teilzeitarbeit oder Telearbeit, Selbstständigkeit oder Projektarbeit. Starre Hierarchien mit eindeutigen Strukturen von oben nach unten werden abgelöst von flexiblen Netzwerken. Das Internet hat den Zugang zu Informationen und ihre Verarbeitung revolutioniert. Der Mensch in der Wissensgesellschaft muss in der Lage sein, damit umzugehen.
Lernen wird zum zentralen Begriff der Wissensgesellschaft, denn Bildung bestimmt immer stärker die Lebensbedingungen jedes Einzelnen, seine beruflichen Chancen, sein Einkommen und seinen sozialen Status. Lernen jedoch nicht beschränkt auf die Aneignung von bestimmten Fähigkeiten in Schule, Universität oder Lehre, die dann bis ans Lebensende halten, sondern lernen als kontinuierlicher Prozess, als lebenslange Aufgabe. Das Bildungssystem eines Landes wird damit zum Dreh- und Angelpunkt beim Übergang in die Wissensgesellschaft. Und da hat Deutschland mit Sicherheit noch großen Nachholbedarf.
Rainer Hupe
Chefredakteur

