Wirtschaft Konkret Nr. 303 - Wirtschaftskriminalität - Die verkannte Gefahr

Wirtschaftskriminalität - Die verkannte Gefahr

Repräsentative Untersuchung der Euler Hermes Kreditversicherungs-AG

Editorial: Die drei entscheidenden Irrtümer

Die Bedrohung ist da und sie wird auch gesehen. Eine überwältigende Mehrheit der Unternehmen in Deutschland sieht in Wirtschaftskriminalität eine große Gefahr. Tatsächlich war auch jedes dritte Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten Opfer wirtschaftskrimineller Handlungen und das häufig sogar mehrfach. Doch so klar das Risiko erkannt wird, so hartnäckig halten sich verschiedene Fehleinschätzungen bei den Verantwortlichen in den Führungsetagen, die letztlich eine effiziente Prävention und Kontrolle verhindern. Dies zeigt die Studie zur Wirtschaftskriminalität, die Euler Hermes zum zweiten Mal nach 2003 in Auftrag gegeben hat ganz deutlich. Sie ist repräsentativ für den Mittelstand in Deutschland.

Die erste Fehleinschätzung ist der Glaube, externe Täter seien gefährlicher als die eigenen Mitarbeiter. Weit gefehlt: Es werden mehr Unternehmen ausschließlich durch eigene Mitarbeiter als ausschließlich durch unternehmensfremde Personen geschädigt. Diebstahl, Betrug und Unterschlagung stehen dabei an der Spitze.

Der zweite Irrtum ist die Vorstellung, leitende Angestellte seien verdächtiger als einfache Mitarbeiter. Das Gegenteil ist der Fall: In der Praxis gehen fast drei Viertel aller strafrechtlichen Übergriffe auf das Konto einfacher Mitarbeiter. Allerdings ist der Schaden erheblich höher, wenn Manager aus den Führungsetagen straffällig werden.

Der dritte Irrglaube ist die Meinung, technische Systeme, insbesondere zum Schutz von elektronischen Daten, seien die beste Sicherung gegen wirtschaftskriminelle Handlungen. Da ein erheblicher Teil der Delikte jedoch nicht nur von Mitarbeitern begangenen, sondern auch von ihnen aufgedeckt wird, kommt es darauf an, sie zu schulen, Informationssysteme einzurichten, so dass Hinweise erfolgen und verfolgt werden können. Die meisten Unternehmen haben aber nicht einmal eine spezielle Anlaufstelle geschweige denn Möglichkeiten, anonyme Hinweise zu geben. Und, so das Ergebnis der Studie, sie planen es auch nicht.

Das ist ein überraschender Befund angesichts des klaren Bewusstseins für die Gefährdung und der tatsächlichen Bedrohung. Vielleicht aber fehlt es auch nur an Informationen. Grund genug für Euler Hermes, sich des Themas erneut anzunehmen und dabei auch insbesondere den Mittelstand im Blick zu haben. Denn Fakten sind nun einmal die beste Grundlage dafür, Fehleinschätzungen zu revidieren und wirksame Strategien zu entwickeln.

Rainer Hupe
Chefredakteur

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